Prof. Dr. Cornelia Scott, Präsidentin des bdvb, verliest die „Berliner Erklärung“
2. Internationaler Ökonomentag in Berlin
Spitzen-Veranstaltung mit Berliner Erklärung als Höhepunkt
Der Internationale Ökonomentag ist die Spitzenveranstaltung der drei deutschsprachigen Ökonomenverbände bdvb,
VÖWA und VAV. Das Top-Thema „Finanzkrise - Bestandsaufnahme und Konsequenzen“ verbunden mit einem attraktiven Rahmenprogramm
machte die Herbsttage vom 26. bis 28. November 2009 in Berlin zu einem eindrucksvollen Ereignis. Das Ulrich-von-Hassel-Haus
empfahl sich als erstklassiger Tagungsort. Rund 130 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebten die prominenten
Referenten und Podiumsgäste mit sehr informativen, engagierten und hintergründigen Vorträgen und
Diskussionsbeiträgen. Höhepunkt des Internationalen Ökonomentages war die Berliner Erklärung, vorgetragen von
bdvb-Präsidentin Prof. Dr. Cornelia Scott.
Berliner Erklärung
Die wirtschaftliche Entwicklung dürfte in den meisten Mitgliedstaaten der EU und auch weltweit ihre Talsohle erreicht
haben. Es wäre jedoch verfrüht, bereits jetzt das Ende der Krise auszurufen. Es bleibt abzuwarten, ob die massiven
Stabilisierungsmaßnahmen von Regierungen und Zentralbanken, die einen Kollaps des globalen Finanz- und Wirtschaftssystems
verhindert haben, zu einem endogenen realwirtschaftlichen Aufschwung führen.
Nach dem akuten Krisenmanagement geht es jetzt
darum, einen Regulierungsrahmen für eine stabile Weltfinanzordnung zu errichten und die Kollateralschäden der Bekämpfung der
Finanzkrise zu beseitigen.
Für den Internationalen Ökonomentag sind dabei die folgenden Herausforderungen von besonderer
Bedeutung:
1. Der Staat kann systemrelevante Banken nicht in die Insolvenz gehen lassen. Daher muss er sie stärker regulieren,
d.h. die Eigenkapitalregulierung ist entsprechend anzupassen. Der Staat ist nicht die Rückversicherung für die Finanzwirtschaft.
2. Eine liberale Wirtschaftsordnung bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung, d.h. Haftung der
Wirtschaftsakteure für ihr unternehmerisches Handeln. Erfolg muss belohnt, Misserfolg sanktioniert werden.
3. Die Finanzaufsicht sollte mit der Internationalisierung der Finanzmärkte Schritt halten. Grenzüberschreitend
täätige Finanzinstitute sind adäquat, d.h. supranational zu beaufsichtigen. Die für die Entstehung der Finanzkrise nicht
unerhebliche Aufsichtsarbitrage, d.h. liberale Aufsichtspraktiken zur Attrahierung ausländischer Finanzinstitute, muss wirksam
unterbunden werden. Finanzprotektionismus darf nicht an die Stelle von Handelsprotektionismus treten.
. Rating-Agenturen und Hedge-Fonds als Transmissionsriemen der Finanzkrise müssen Transparenz- und Lizenzpflichten
unterliegen.
5. Die Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften und die Überarbeitung der Bilanzierungsstandards dürfen nicht
zu verkappter Wettbewerbspolitik missbraucht werden.
6. Die explodierenden Defizite der öffentlichen Haushalte sind zeitgerecht, aber zuverlässig zurückzuführen,
um die erkennbare Stabilisierung der Wirtschaftsentwicklung nicht zu gefährden. Die rechtzeitige Formulierung von
Exit-Strategien stärkt das Vertrauen der Kapitalanleger und bremst den Zinsauftrieb.
7. Auch zur Rückführung der massiven Liquiditätsexpansion durch die Zentralbanken sind Exit-Strategien zu
entwickeln. Wegen der Schrumpfung des Produktionspotenzials durch die Finanzkrise können im Aufschwung vergleichsweise früh
Inflationsrisiken entstehen, die die Geldpolitik ggf. gegen politischen Widerstand auf den Plan rufen sollte. Die Erfahrung in den
Jahren zu Beginn dieses Jahrhunderts, in denen nach der Blase vor der Blase war, darf sich nicht wiederholen.
8. Ebenso sind auch Strategien für den Rückzug des Staates aus den Finanzinstituten zu entwickeln, an denen er sich im
Rahmen von Rettungsprogrammen beteiligen musste. Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer.
9. Schließlich sind die Verursacher der Finanzkrise an der Abfederung ihrer sozialen Folgen zu beteiligen. Die Wellen
des Finanz-Tsunamis haben nicht nur einige der neuen EU-Mitgliedstaaten an den Rand des Staatsbankrotts getrieben, sondern auch die
Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas erreicht, mit den Folgen größerer Arbeitslosigkeit und Armut. Die Frage
der fairen Lastenverteilung sollte auf der Agenda der internationalen Gremien eine stärkere Rolle spielen.
10. Bei der Bedeutung jeder einzelnen Baustelle für ein solides Fundament einer neuen Weltfinanzarchitektur ist es wichtig,
dass die politischen Absprachen in den europäischen und internationalen Gremien trotz des Widerstands eines Heeres von
Lobbyisten auch Realität, im Gesetzblatt verankert und die Spielregeln anschließend eingehalten werden. Die Politik darf die
gegenwärtig noch vorhandene Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, bevor sich das „window of opportunities“ wieder
schließt und der Reformeifer bei Stabilisierung von Wirtschaft und Finanzen wieder erlahmt. „Business as usual“ darf nicht
wieder zur Handlungsmaxime werden.
Berlin, 27. November 2009
Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte e.V. (bdvb)
Verband Österreichischer Wirtschaftsakademiker (VÖWA)
Schweizerischer Verband Akademischer Volks- und Betriebswirtschafter (VAV)
Berliner Erklärung als PDF
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